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Wir tragen alle Masken

von Larry Staples, Psychoanalytiker, (US)

Wir tragen alle Masken

Die Ausstellung mit Masken des Künstlers WiseTwo gibt viel Stoff zum Nachdenken. „Person“ ist der alte Begriff für Maske. C.G. Jung verwendete den Begriff „Persona“, für die Maskierung, das Make-up, mit dem wir uns der Welt präsentieren. Jede Persona, jede Maske ist einzigartig und wird sorgfältig in einem inneren Prozess entwickelt. Dabei entscheiden wir, wie wir gesehen werden wollen, was wir anderen zeigen und was wir vor ihnen verbergen möchten.

Als ich jung war, wusste ein instinktiver Teil von mir: Um im Leben, insbesondere in der ersten Lebenshälfte, als erfolgreich angesehen zu werden, müssen wir uns erfolgreich darstellen und alles verbergen, was diesen Eindruck stören könnte. Mir war das bewusst, aber gleichzeitig kam mir eine solche Inszenierung auch seicht vor. Um in der zweiten Lebenshälfte erfolgreich zu sein, müssen wir meiner Meinung unsere die Maskierung zunehmend aufgeben, unsere Persönlichkeit nicht so sehr hinter der Persona verstecken. Wir müssen mehr von unserem wahren Selbst preisgeben.

In meinem Alter, ich bin jetzt 88, ist es einfacher zu sagen: „Was können mir andere schon antun?“ egal was ich sage oder schreibe. Jetzt gebe ich in Vorträgen und Aufsätzen vieles von mir persönlich preis, was früher für mich sehr riskant gewesen wäre.

Die Tragik des Ernest Hemingway 

Ein Leben lang eine feste Maske zu tragen und eine starre Persönlichkeit darzustellen, ist schädlich und kann sogar gefährlich werden. Ernest Hemingway ist ein tragisches Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man aus einem Selbstdarstellungsdrang und den dazugehörigen Maskierungen nicht aussteigen kann. Nachdem Hemingway den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, beging er Selbstmord.

Die Persona, die Maske, die wir tragen, ist wie eine Mauer, die uns von unserem wahren Selbst trennt und uns hindert, zu verstehen und zu werden, was wir vollständig sein können. Manche Mauern sind unüberwindbarer als andere. Hemingway ist über seine nie hinweggekommen. Ich denke, er wurde ein Opfer des Mythos, den er von sich selbst kreiert hat, von seiner Inszenierung als Held, der zäh, mutig, unnachgiebig, unerschrocken, stoisch, abenteuerlustig, trinkfreudig, hart lebend, Frauen-Jäger unterwegs war, größer als das Leben, hartgesotten mit einer Vorliebe für die Jagd, Hochseefischen und andere Aktivitäten, die als Zeichen von Männlichkeit gelten.

Hemingway erzählte übertriebene Geschichten und große Lügen, um dieses Image zu fördern. Als er nach dem Ersten Weltkrieg nach Oak Park zurückkehrte, hielt er Vorträge, in denen er seine Kriegserfahrungen aufblähte. Er trug seine Uniform in der ganzen Stadt, lange nachdem alle anderen zur Nachkriegsnormalität zurückgekehrt waren. Vor allem wollte er unbedingt als größter Schriftsteller, als unbestrittene Nummer eins bezeichnet und gefeiert werden. Er rang und kämpfte, um literarische Besprechungen und die Meinung von Kritikern in seinem Sinne zu kontrollieren.

Hemingway wollte, so ist zu vermuten, dass die Öffentlichkeit ihn mit den Helden seiner Bücher identifiziert und nicht mit anderen Charakteren in seinen Büchern, die schwach, gebrechlich, feige, triffig, selbstironisch waren , zu sensibel und introspektiv. Natürlich hatte er selbst all diese weniger „männlichen“ Eigenschaften, aber er versteckte sie bis zum Ende hinter der überaus männlichen Persona. Die meisten seiner großen Bücher schrieb er in der dritten Person. Das schuf Distanz zwischen ihm und den Charakteren und Eigenschaften, die er beschrieb und besaß. Ich frage mich, ob wir, wenn er in der ersten Person geschrieben hätte, vielleicht eine bessere Vorstellung davon bekommen hätten, wer er in all dem tatsächlich war. Das mag Wunschdenken sein. Zu wissen, wer wir sind und es zu offenbaren, ist unter allen Umständen extrem schwierig.

Hemingway kämpfte sein ganzes Leben lang darum, den Mythos aufrechtzuerhalten, den er sich sorgfältig ausgedacht hatte. Selbst nach der Auszeichnung mit dem Nobelpreises konnte er nicht die geringste Kritik ertragen, die die Frage aufwerfen könnte, wer der größte Schriftsteller ist. Jüngere Autoren drängten voran und Kritiker begannen, seine Arbeit abzuwerten und die Arbeit anderer zu loben. Sogar frühe Befürworter urteilten sehr negativ über sein Buch Across the River and into the Trees. Als Hemingway gebeten wurde, das Buch From Here to Eternity von James Jones zu rezensieren, geriet er in Wut und zerfetzte das Buch. Er konnte es nicht ertragen, dass das Buch eines anderen auch nur annähernd seinem schriftstellerischen Niveau nahekam. Er musste „der Eine“ sein und sagte und tat immer unverschämtere Dinge, um den Mythos zu erhalten, den er von sich kreiert hatte. Seine psychische Wand, seine dicke Maske, hat sich bis zum letzten Moment nicht von sich lösen können.

In Der alte Mann und das Meer hatte der alte Fischer einen riesigen Fisch gefangen, eine Leistung, die in seinem Metier in dem Gewinn des Nobelpreises gleichkam. Kaum hat er den Fisch gefangen, raubt ihm ein Hai seine Beute. Es ist wie eine Metapher für die Kritiker, die ihn immer wieder kaltblütig angegriffen haben. Wie Hemingway war der alte Mann, nach harter Arbeit und großartigen Leistungen, am Ende dann doch am Boden zerstört und fragte sich: Was habe ich vorzuweisen? Vorbei die Bewunderung und der Respekt, wonach sich so sehr gesehnt hatte. Für Hemingway spitze sich die Frage zu: Was bringt es überhaupt, weiterzuleben? Bei all den Demütigungen. Der Tod konnte sich wie eine Erleichterung anfühlen. Er mag das Gefühl gehabt haben, nur noch Angst, Depression und Schmerzen zu erleben, wenn er nicht aus dem Leben scheidet.

Ich vermute, dass sein Versäumnis, seine Maske zu entfernen, seine psychische Wand einzureißen oder in ihr genug Risse zu machen, um zumindest verborgene Seite zu offenbaren, zu seinem Selbstmord beigetragen hat. Die Mauer aufrecht zu halten, wurde für ihn zu einer kostspieligen, schmerzhaften und unerträglichen Belastung. Selbstmord erschien ihm als einzige Möglichkeit, dem zu entkommen.

 Wir können nicht geliebt werden, wenn wir uns hinter Masken verstecken 

Für mich ist der verheerendste Aspekt der Persona, dass sie uns das Gefühl geben kann, nicht wirklich geliebt zu werden. Mein Wunsch, meine Maske abzunehmen, wurde vor allem von meinem Bedürfnis, geliebt zu werden, und der Erkenntnis motiviert, dass man sich nicht vollständig geliebt fühlen kann, wenn man sich nicht vollständig offenbart. Wie können wir glauben, wenn jemand sagt: „Ich liebe dich“, wenn wir große Bereiche von uns vor ihm verborgen haben? Zu glauben, dass wir unter solchen Umständen geliebt werden, ist meines Erachtens eine Illusion. Wenn wir bedingungslos geliebt werden wollen, müssen wir uns (idealerweise) bedingungslos offenbaren.

Die Frage ist: „Können wir das jemals schaffen?“ Alles, was wir tun können, ist es zu versuchen und zu akzeptieren, dass wir unser Ziel wahrscheinlich nicht ganz erreichen werden. Zumindest haben wir die Befriedigung, uns mehr geliebt zu fühlen, als wir es waren, als wir eine sehr begrenzte Sicht auf uns selbst präsentierten.

Masken und Seelen-Spiegel

von Michael Schmitz, Gallerist (D/A)

WiseTwo hält uns Masken vor. Zur Spiegelung unseres Seelenlebens. Um so zu erschließen, was uns bewegt, was wir wollen und wer wir sind.

Masken schmücken und verbergen. Sie lassen Menschen geheimnisvoll erscheinen. Sie können freundlich anlocken oder schrecken und grimmig Furcht einflössen. Sie stellen Gefühle dar und rufen Gefühle hervor. Sie können Weisheit und Macht zum Ausdruck bringen und Schutz und Hoffnung beschwören, wenn Gefahren aufziehen.

Was Masken vermitteln, berührt unser Inneres. Masken gestalten Beziehung. Seit Jahrtausenden. In allen Kulturen. Sie führen uns zu Archetypen des kollektiven Unbewussten.

Schamanen wollen mit Masken Krankheiten heilen, böse Geister vertreiben, Schmerz und Leid lindern, Ahnen und höhere Wesen um Hilfe bitten, um das gegenwärtige Leben besser zu bewältigen.

Wir alle maskieren uns immer wieder. Dazu müssen wir nicht einmal Masken anfertigen. Maskieren können wir uns schon mit dem gewählten Ausdruck unseres Gesichtes. So wollen wir beeinflussen, wie wir von anderen gesehen und bewertet werden. Wir trachten danach, in Rollen zu schlüpfen, uns zu gestalten, um – je nach Situation und Anforderung – möglichst so auf andere zu wirken, wie wir es uns wünschen. Mit solcher Selbst-Maskierung inszenieren wir uns öffentlich. Was wir auf diese Weise darstellen hat J.G. Jung, der Begründer der analytischen Psychologie, als unsere„Persona“ bezeichnet.

WiseTwo führt uns mit tiefgründigen Masken-Bildern zu archaischen Symbolen und Geschichten und zur Selbst-Besinnung. Um Geheimnisse in uns selbst zu entdecken und uns selbst besser zu verstehen und so unser Leben bewusster gestalten zu können.