How are you? Wie geht es Ihnen? Wie geht es Dir? – Eine Anrede oft benutzt als Begrüßungs-Floskel, auf die floskelhaft reagiert wird. Weil die Frage (meist keine tiefgründige und womöglich herausfordernde Antwort wünscht.
Was wollen wir wirklich von Menschen wissen, denen wir begegnen? Was nehmen wir wahr? Welche Aufmerksamkeit geben wir ihnen?
How are you? Ferdinand Melichar und Pia Weissinger lassen uns nicht leicht davonkommen. Sie halten uns auf. Sie halten uns an. Zum genauen Hinschauen, zum Aufnehmen und Nachspüren. Indem sie uns Personen nicht in glatter Selbstinszenierung zeigen. Wir sehen Menschen unverstellt. Ergriffen von wuchtigen Gefühlen, die sie (und ebenso wir) oft nur schwer präzise benennen und verstehen können. Die Menschen, die wir auf den Bildern sehen, sind gepackt von Turbulenzen und Irritationen. Sie scheinen sich zu fragen: Was ist mit mir? Was soll, was kann ich tun? Was muss ich erwarten? Worauf darf ich hoffen?
Melichar und Weissinger bringen Leben ausdrucksstark auf die Leinwand. Beide haben ein feinsinniges Gespür für Gefühlslagen und die Fähigkeit, sie darzustellen, damit zu konfrontieren. Sie nehmen wahr, nehmen auf, bringen emotionale Gemengelagen mit Farbe und Figuration auf die Leinwand. Komplex. Mit klassischer Malerei. Pastös. Mit deutlicher Spur des Farbauftrages. Schicht auf Schicht. Mit Schwung und auch zarter Nuancierung. Plastisch. Nie flach. Vielschichtig und komplex in der Ästhetik und – damit korrespondierend – tiefgründig in der Thematik. Sie malen ohne vorherige Skizze, ohne fotografische Vorlagen. Das Schaffen bricht aus ihnen heraus, entfaltet sich in Aktion, unbewusst, ohne es gedanklich in Sprache zu fassen, es in Sprache auch gar nicht adäquat fassen zu können. Begriffe sind abstrakt. Die Bilder wirken sinnlich und unmittelbar: Übertragung von Wahrnehmung und Empfindung auf die Leinwand. Widerspiegelung von emotionalen Zuständen und zwischenmenschlichen Beziehungen.
Es sind empfindungsgeladene Szenarien. Einladungen, sich in flirrende Gefühlswelten hineinzuversetzen, mitzuerleben. Offen. Denn das Leben ist, wie es ist. Nicht wie es nach Wünschen, Fantasien und Ansprüchen sein sollte. So berühren die Bilder sinnlich, erotisch, brutal, verstörend, provozierend, komisch, absurd, zynisch. Sie sind Auseinandersetzung mit dem komplexen, verschränkten, ambivalenten menschlichen Gefühlsleben.
Die Positionen von Melichar und Weissinger verlangen nach Achtsamkeit und Entschlüsselung. Sie fordern uns auf, zu ergründen, in welcher Lage sich die dargestellten Menschen befinden, was in ihnen vorgeht, welche Gefühle sie bewegen, oft schier überwältigen, den Verstand aussetzen lassen. In welche Beziehung sie zu anderen treten oder wie sie Beziehung ausweichen, sich zurückziehen. Oder – wie in Selbst-Porträts von Ferdinand Melichar – wie sie sich selbst erkunden.
Die Arbeiten von Melichar und Weissinger lösen Resonanz aus in Betrachter:Innen, konfrontieren mit existentiellen Irritationen – fragen nach (Selbst-)Verständnis und Orientierung, der Suche nach Sinn, Zweck, dem Ringen um Identität, der Freiheit des Willens und des Handelns. Sie bieten uns künstlerisch-psychologische Anschauungen.
Erhellend ist dazu eine Überlegung der Soziologin und Philosophin Eva Illouz, die räsoniert: „Ein verfehltes Leben ist eines, in dem wir es versäumen, unsere eigenen entscheidenden Gefühle zu erfassen. Gefühle stehen nicht nur im Mittelpunkt unserer Existenz, sie sind dieser Mittelpunkt selbst, weil wir nur durch Gefühle erkennen können, was uns wirklich am Herzen liegt. Die eigenen Gefühle nicht zu erkennen heißt, nicht zu wissen, was für einen wichtig ist. Wenn wir nicht wissen, was für uns wichtig ist, heißt das, dass wir andere von unsere Innerlichkeit Besitz ergreifen lassen. Es heißt, dass wir nie entdecken, was unser eigenes Verhältnis zur Welt ausmacht.“ (Eva Illouz „Explosive Moderne“, S.359)
Illouz schlägt uns als steilen Gedanken vor: Dass die Funktion der Kunst im Wesentlichen gerade darin besteht, eine eigene Wirklichkeit zu konstruieren und uns durch sinnliches Erleben in tiefere Dimensionen unserer Existenz führt und so zu Zugang zu tiefergründigen Wahrheiten ermöglicht.
Ferdinand Melichar geboren 1962, studierte er an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Markus Prachensky, Vertreter des Informel, neben Mikl, Hollegha und Rainer, alle Mitbegründer der Gruppe St. Stephan und bei Walter Eckert. Die Kuratorin Sabine Fellner notiert, Ferdinand Melichars künstlerischer Ursprung ist bei den „Neuen Wilden“ zu verorten, jener Kunstrichtung der 1980er Jahre, die sich als Reaktion auf die Konzeptkunst der totgesagten Malerei wieder entschieden zuwandte. Seine Bilder kennzeichnet „eine lustvolle Erzählfreude“. Fellner führt fort: „Ferdinand Melichar weiß genau, wie er irritiert. In seiner Bildwelt treffen Sinnlichkeit und Intellekt aufeinander. Er zeigt uns die Wirklichkeit, die er erfährt, auseinander, mit all ihren Aspekten, ihrer Schönheit ebenso, wie mit ihren Abgründen.“
Damit ist er nicht nur ein zeitgenössischer, sondern ein höchst zeitgemäßer Maler. Kein Beschöniger. Keiner, der Dekoratives offeriert, das keine Reflektion verlangt. Melichar fordert sich selbst und fordert die Betrachter:innen seiner Arbeiten. Er thematisiert, was Menschen (oft untergründig) berührt und bewegt. Auf die Frage, ob Kunst erneuern oder verändern soll, antwortet er mit Referenz auf Anulf Rainer: „Sie sollte vielleicht eher vertiefen“.
Melichars Freund, der Dichter Peter Turini sagt: „In seiner Kunst sind das Furchtbarste und das Schönste ganz nahe nebeneinander, nur ein paar Flügelschläge von einander entfernt. Ich denke, dies ist die einfachste und so schwer auszuhaltende Wahrheit: Unser Leben ist so schön und so scheußlich in einem, weil wir so schön und so scheußlich in einem sind. Der Maler Ferdinand Melichar nicht Neues oder Altes, nicht Hässliches oder Schönes. Er mahlt Wahres.“
Pia Weissinger geboren in Oberösterreich, lebt und arbeitet in Wien. Studium an der Akademie der bildenden Künste bei Daniel Richter. 2025 Abschluss mit Auszeichnung.
Weissinger will uns nichts glanzvoll vorgaukeln. Romantizismus liegt ihr fern. Ebenso jede Anbiederung. Vielmehr konfrontiert sie sich schonungslos mit der Wirklichkeit, mit all ihren Turbulenzen, mit Schrecken, Schmerz, Leid und Grauen. Mit Ängsten und Ärger, Kontroversen und Konflikten, Lügen und Leid, Niedertracht und Neid, Zurückweisungen und Zorn, Täuschungen und Tragödien. Ihre Mahnung: Machen wir uns nichts vor: All das gehört zum wirklichen Leben. – So korrespondieren ihre Positionen viel-dimensional mit denen von Ferdinand Melichar.
Weissinger sagt von sich, sie untersuche und analysiere mit „psychologischem Scannen das abgründige Treiben der Menschen und die vielschichtige Grauseligkeit des Lebens“. Sich selbst charakterisiert sie mit einem spöttischen Augenzwinkern als Malerin „mit der Zärtlichkeit eines Hackebeils“. Mit Ironie und Wiener Humor, mit der Gabe auch in abstrusen, spannungsgeladenen, tragischen Situationen Komisches wahrzunehmen und sich vom Elend nicht völlig überwältigen zu lassen.
Ihre Formel sei simpel, sagt sie: „Etwas passiert oder es ist passiert.“ – Mit Turbulenzen und oft destruktivem Potential. Wie uns die Psychologie erklärt: Auch weil Menschen sich mit überzogenen Ansprüchen und Erwartungen überladen, mit unerfüllbaren Kontrollbedürfnissen, die alles, was nicht kontrollierbar ist, als persönliches Defizit, als Niederlage erleben. Als Blamage, Ausgrenzung, Ausweglosigkeit, Ruin.
Weissinger hält für sich fest: „Durch die Offenlegung meiner Beobachtungen, den wahrgenommenen Empfindungen und Spannungen, der sich daraus entfaltenden Dynamik, gewinne ich Distanz, erlange ein gewisses Maß an Freiheit. Weil es mir erlaubt – ähnlich einer Dissoziation – das Geschehen zur Kenntnis zu nehmen und mich gleichzeitig aus der Situation herauszunehmen. Nicht zuletzt aus Eigeninteresse will ich damit Spannungen, Ambivalenzen und Wiedersprüche aushalten, psychische Prozesse und Gefühle erkunden und verstehen kann. Was so aus dem Unbewussten ins Bewusstsein kommt, verliert an Macht über mich.“

